Klang und Kontemplation
Christine Ockenfels

Chartres

© Christine Ockenfels

Im Sommer 2017 verbrachte ich zum ersten Mal mehrere Stunden in dieser Kathedrale, staunend und fasziniert. Es war eine unbeschreibliche Erfahrung. Im Sommer 2018 waren wir wieder dort und 2019 werden wir eine ganze Woche mit Helge Burggrabe die Kathedrale erleben.
Auf seiner Homepage schreibt er dazu: "Es gibt nur wenige vergleichbare Orte, an denen sich Wissen und Kunst, Weisheit und Spiritualität so verdichten. Bei meinen Chartres Reisen versuche ich, dieses inspirierende Gesamtkunstwerk für uns heutige Menschen erlebbar zu machen." (burggrabe.de)

Wer einmal dort war, in dieser Stadt, verbindet mit dem Namen Chartres die Kathedrale. Für mich ist Chartres die Kathedrale. Schon der Weg nach Chartres hin zur Kathedrale ist eine spirituelle Entdeckungsreise. Und dann das Eintreten in die Kathedrale und das Sein in diesem heiligen Raum: Es ist das Eintreten in eine Ruhe, in eine Tiefe, in eine zeitlose Ewigkeit, die erfüllt ist vom stillen Klang. Wenn ich nur Chartres denke, höre, dann schwingt dieser Klang in mir.
Tilman Evers beschreibt es so: "Die Kathedrale ist alles zugleich - ein Buch der Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum neuen Jerusalem, ein Kompendium christlichen Glaubens und Lebens, ein Nachhall der Philosophie seit der Antike, eine Verortung in Kosmos und Natur, eine Würdigung der menschlichen Handwerke und Tätigkeiten, und vieles andere mehr. In keiner anderen der großen Kathedralen finden sich Weisheit und Wissen, Gott und Welt in ähnlichem Gleichklang. Die Begegnung zwischen Himmel und Erde, die jede Kathdrale versinnbildlicht - sie ist in Chartres nicht nur Symbol, sondern Ereignis."
Quelle: Evers in Chartres, Lauschen mit der Seele, S. 37

Im Inneren der Kathedrale verbindet sich für mich der Klang, die Kontemplation, das Labyrinth. Worte finden sich nicht wirklich für diese Erfahrung. Hier betreten wir den Boden des Unsagbaren. Hineinlauschen in den Innenraum - sich öffnen für eine andere Weise der Begegnung mit der Kathedrale, mit den Menschen in ihr, mit allem, was mich dort berührt, letztlich mit mir selbst und mit dem Geist, der dies geschaffen hat und alles durchdringt und umhüllt.

Lauschen mit der Seele
Ich halte inne, werde still und lausche
mit meinem Ohr, mit meiner Seele,
mit jeder Faser meines Seins.

Ich lausche und öffne Raum um Raum,
mach meine Seele weit und weiter,
damit die Stille einziehe und mich ganz erfasse,
die lebendige Stille allen Seins.

Meine Seele lauscht hinein in jenes Unhörbare,
das wie der Klang der Stille in allen Dingen lebt.
Meine Seele schaut hindurch auf jenes Unsichtbare,
das wie die Vielgestalt der Stille sich in allen Dingt zeigt.

Da geschieht es, manchmal nur für Augenlicke:

Was eben noch getrennt erschien,
durchdringt sich und wird zum Ineinander,
zum Einklang in der Fülle aller Töne, Farben, Formen.

Was eben noch von mir getrennt erschien,
durchdringt mich, lässt alle Saiten meiner Seele schwingen
und mich mit mir und allem ganz im Einklang sein.

Helge Burggrabe